Selbstliebe: Sich selbst lieben lernen

Auf ein “Ich liebe dich” mit etwas wie “Oh, kann ich verstehen, ich mich auch” zu antworten, würde niemandem auch nur im Traum einfallen. Zu groß wäre die Angst vor Sanktionen – denn nahezu jeder assoziiert mit derart selbstverliebten Menschen den Narziss aus der griechischen Mythologie: Dieser war so angetan von seinem Spiegelbild im Wasser, dass er, bei dem Versuch, die liebliche Gestalt im Wasser zu küssen, in den Teich fiel, und ertrank …

Selbstliebe darf nicht mit Narzissmus gleichgesetzt werden

Ich mag michDer Begriff Narzissmus ist eher negativ konnotiert; nicht selten wird er mit Attributen wie Egoismus oder Egozentrik assoziiert. Manch einer mag den Ausdruck gar mit einer Persönlichkeitsstörung in Verbindung setzen, und zwar im Sinne einer krankhaften Selbstverherrlichung oder eines unangemessenen Größenwahns bezüglich der eigenen Person. Selbstliebe hingegen sollte mit nichts dergleichen in Zusammenhang gebracht werden – denn sie ist durchweg positiv zu bewerten und vor allem lebensnotwendig! Leider lassen gängige Wertvorstellungen eine derartige Eigenliebe häufig nicht zu. Es kommt viel zu oft vor, dass Menschen mit positivem Selbstwertgefühl denunziert und als arrogant oder egoistisch bezeichnet werden, wenn sie ihrer Einstellung zu sich selbst nach außen hin Ausdruck verleihen. Altruismus hingegen wird gefeiert. Selbstaufopferung erscheint als Maß aller Dinge: Wer nett zu anderen ist, sich stets hilfsbereit zeigt und eine positive Meinung von seinen Mitmenschen hat, wird als sympathisch und sozial verträglich bezeichnet. Andere zu lieben ist gesellschaftlich anerkannt – sich selbst zu lieben und das zu demonstrieren scheint weniger gut in die Glaubenssätze zu passen. Doch eben ein solche Einstellung zu sich selbst ist von enormer Importanz – sowohl für das eigene Wohlbefinden als auch für die Gestaltung befriedigender Sozialbeziehungen.

Was ist unter Selbstwertgefühl zu verstehen?

sich selbst liebenDer Mensch sammelt im Laufe seines Lebens vielfältige Erfahrungen – so auch über die eigene Person. Daher entwickelt jeder mit der Zeit ein bestimmtes Bild von sich selbst. Das sogenannte Selbstkonzept kann als eine Art Modell verstanden werden, das die Person über sich, ihre Fähigkeiten, ihr Erscheinungsbild, ihre Wirkungsweise etc. gebildet hat. Je nachdem, ob die Person dieses Selbstbild als gut oder schlecht bewertet, kann von positivem bzw. negativem Selbstwertgefühl gesprochen werden. Menschen mit positivem Selbstwertgefühl sind mit sich selbst, ihrer Optik, ihren Kompetenzen, ihren Einstellungen – schlichtweg mit der eigenen Person – zufrieden und sind sich selbst gegenüber wohlwollend gestimmt. Von dieser Warte aus betrachtet, verliert der Begriff der Selbstliebe seinen negativen Beiklang, denn in einem derartigen Bezugsrahmen erscheint es überaus erstrebenswert, eine solche Meinung von sich selbst zu haben.

Auf sich selbst vertrauen

Ein Nebeneffekt von wohlwollend ausgeprägtem Selbstwertgefühl ist, dass diese Personen in der Regel auch ein hohes Selbstvertrauen besitzen. Wenn ich von mir selbst überzeugt bin und mich liebe, wie ich bin, spricht immerhin nichts dagegen, auch auf mich und meine Fähigkeiten zu vertrauen. Von sich selbst überzeugte Menschen haben den Vorteil, mit weniger Furcht in die Zukunft blicken zu können, da sie sich auf ihre Fähigkeiten verlassen und entsprechend daran glauben, jedweder Herausforderung entgegentreten und sie bewältigen zu können. Selbstvertrauen bereichert und erleichtert das Leben – und dazu gehört auch, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, Beziehungen aufzubauen und sich zu verlieben.

Sich selbst und andere lieben – worin besteht die Gemeinsamkeit?

Ein jeder kennt den Ausspruch “Nur wer sich selbst liebt, ist auch in der Lage, andere zu lieben” – und das ist tatsächlich wahr: Wer mit sich selbst unzufrieden ist und Zweifel daran hat, liebenswert zu sein, trägt dieses Gefühl nach außen und beeinflusst damit auch seine Mitmenschen …
  • “Ich habe dich überhaupt nicht verdient!”
  • “Warum liebst du mich überhaupt?”
  • “Ich bin es gar nicht wert, dass du so gut zu mir bist!”
  • “Du musst wirklich keine Rücksicht auf mich nehmen, ich bin nur froh, dass ich dich habe!”
… Solche und ähnliche Aussagen zeugen davon, wie wenig eigentlich von der eigenen Person gehalten wird. Derartige Selbstzweifel wirken sich natürlich auch auf die Beziehung aus und schränken das Miteinander in nicht unerheblichem Maße ein. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl nehmen sich darüber hinaus auch schon häufig vor dem Beginn einer Partnerschaft aus dem Spiel. Denn wem es an Selbstbewusstsein mangelt, dem mangelt es in der Regel auch an der Vorstellungskraft, dass andere einen lieben könnten. Wie auch, wenn man sich selbst so gar nicht leiden kann?! Daher ist Folgendes unerlässlich: Jeder sollte es zulassen, sich selbst zu lieben! Davon profitieren nicht nur andere, sondern, und das ist am Wichtigsten, vor allem die eigene Person:
  • “Ich habe verdient, glücklich zu sein!”
  • “Ich bin liebenswert!”
  • “Ich bin es wert, gut behandelt zu werden!”
  • “Mein Partner kann sich glücklich schätzen, mich zu haben. Wir harmonieren hervorragend!”
Derartige Äußerungen hören sich schon wesentlich besser an. Niemand hat nötig, sich für andere klein zu machen, Selbstmitgefühl ist absolut angebracht. Außerdem haben solche Aussagen den positiven Nebeneffekt, dass sie bei wiederholter Verinnerlichung wesentlich dazu beitragen können, das eigene Selbstwertgefühl zu stärken. Nicht nur das: Langfristig wird auch das Selbstbewusstsein gesteigert und somit die Art und Weise der Selbstdarstellung. So einfach ist es jedoch nicht immer: Zum einen sind in zu vielen Köpfen die Glaubensmuster verankert, dass sich ein zu ausgeprägtes Selbstbewusstsein nicht schickt. Zum anderen nagen Selbstzweifel und vermeintliche Unzulänglichkeiten zu sehr an der Liebe zu sich selbst, als dass positive Selbstinstruktion alleine etwas daran ändern könnte.

Verschiedene Möglichkeiten, sein Selbstwertgefühl zu steigern

selbstwertgefühl steigernVergleiche mit anderen gänzlich vermeiden, zumindest jedoch abwärts richten Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein bugsieren sich selbst zu oft in den Schatten eines anderen. Im Vergleich zu sehr erfolgreichen Freunden, überaus glücklich verheirateten Geschwistern oder extrem kultivierten Nachbarn, wirkt das eigene Leben schnell mal trist und sinnlos. Daher sollten soziale Vergleiche tunlichst vermieden werden. Schließlich kommt es einzig und allein darauf an, ob einen selbst seine Lebensumständen zufrieden stimmen. Was andere erreicht haben oder für erstrebenswert befinden, sollte das eigene Selbstwertgefühl unangetastet lassen! Wenn schon vergleichen, dann bitte in die entgegengesetzte Richtung: Zwar ist es prinzipiell nicht die feine Art, sich an dem zu “erfreuen”, was anderen misslungen ist – hin und wieder kann es jedoch förderlich für das eigene Selbst sein. Dadurch wird möglich, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken und darin zu bestärken, dass alles doch eigentlich gar nicht so schlimm ist, wie ursprünglich gedacht. Regelmäßig nach Stärken und Ressourcen suchen Es kann das eigene Selbstvertrauen ungemein stärken, wenn regelmäßig vergegenwärtigt wird, was die persönlichen Stärken sind. Oftmals geniert man sich, diese offen zuzugeben; sich selbst schlecht machen fällt einem erstaunlicherweise viel leichter. Aber: Jeder Mensch kann etwas besonders gut, daran besteht kein Zweifel. Um die eigenen Ressourcen ausfindig zu machen, kann es helfen, einen kurzen Zeitabschnitt etwas genauer zu betrachten. Zum Beispiel die zurückliegende Woche:
  • “Was habe ich in der letzten Zeit besonders gut, vielleicht sogar besser als andere, gemacht?”
  • “Wann war ich warum stolz auf mich?”
  • “Für welche Leistung habe ich Lob von anderen bekommen?”
Sich seine eigenen Stärken regelmäßig zu verinnerlichen hilft auf Dauer, das Vertrauen in und die Sympathie für das eigene Selbst zu fördern. Sich von unerreichbaren Idealen verabschieden Unzufriedenheit mit der eigenen Person resultiert häufig daraus, dass der wahrgenommene Ist-Zustand zu sehr von einem erwünschten Idealzustand abweicht. Wie dieser definiert ist, unterscheidet sich interindividuell. Natürlich ist es wichtig, Ziele und Träume im Leben zu haben, die irgendwann verwirklicht werden wollen – schließlich sind es diese, die uns Menschen vor einem Stillstand bewahren. Für das Selbstwertgefühl können sie jedoch dann zur Bedrohung werden, wenn sie unerreichbar sind. Daher sollte regelmäßig der Mut aufgebracht werden, Lebensentwürfe kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls etwas anzupassen. Denn nur, wenn hin und wieder Erfolge erzielt werden, profitiert das Selbstbewusstsein. Vertraute nach ihrer Meinung fragen Jeder wird geliebt; sei es drum, ob diese Liebe von Freunden, engen Arbeitskollegen oder der Familie kommt: All diese Menschen haben einen, vermutlich sogar mehrere Gründe dafür parat, warum sie einen selbst für liebenswert erachten. Den Mut zu finden, solche Vertraute nach ihrer Meinung zu fragen, ist Balsam für die Seele. Derartige Zusprüche sollten der Beweis dafür sein, dass es nicht verwerflich ist, von sich selbst überzeugt zu sein. Was spricht dagegen, sich selbst zu lieben, wenn es auch andere tun? Sich selbst zu lieben meint nicht Selbstbeweihräucherung zu betreiben oder mit dem zu prahlen, was man ist und kann. Es soll auch nicht beinhalten, andere schlecht zu machen, weil sie im Vergleich zu einem selbst, als weniger wert erscheinen. Wer sich selbst liebt, läuft nicht automatisch Gefahr, sich, wie Narziss, in sich selbst zu verlieren und zu “ertrinken”. Selbstliebe ist nicht verwerflich. Im Gegenteil: Sie ist notwendig, um ein glückliches Leben zu führen. Mit sich selbst im Reinen zu sein, auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und sich selbst zu respektieren ist überaus wichtig. Nicht zuletzt dafür, um anderen Menschen die Möglichkeit zu geben, Teil des eigenen Lebens zu werden und ihnen gar zu erlauben, einen selbst zu lieben.  

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>